Freiburg. Als die Erzdiözese Freiburg und die Kirche Perus am 23. Februar 1986 im Freiburger Münster ihre Partnerschaft offiziell besiegelten, ahnte kaum jemand, welche Dynamik daraus entstehen würde. Vier Jahrzehnte später verbindet die Peru-Partnerschaft rund 90 Pfarreien, aber auch Schulen, Verbände und Einzelpersonen über Kontinente. Aus einer anfänglichen Unterstützung der Priesterausbildung ist ein lebendiges Netzwerk gegenseitiger Beziehungen, gemeinsamen Lernens und geteilter Verantwortung gewachsen.
Für Freiburgs Erzbischof Stephan Burger besteht der Reichtum dieser Partnerschaft in ihrer Gegenseitigkeit auf verschiedenen Ebenen: „Die Peru-Partnerschaft macht deutlich, dass die Kirche von den Erfahrungen und Zeugnissen ihrer verschiedenen Ortskirchen lebt. Im Austausch miteinander entdecken wir, wie der Glaube Menschen über Kontinente hinweg verbindet, Horizonte erweitert und neue Impulse für das kirchliche Leben vor Ort schenkt. Dieses gegenseitige Geben und Empfangen prägt unsere Partnerschaft bis heute.“
Die Wurzeln der Partnerschaft reichen in die Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zurück. Die katholische Kirche verstand sich zunehmend als weltweite Gemeinschaft von Ortskirchen, die füreinander Verantwortung tragen. In diesem Geist entstanden in Deutschland Partnerschaften mit katholischen Ortskirchen in Lateinamerika; der Erzdiözese Freiburg wurde Peru als Partnerland zugeordnet.
Seit 1963 unterstützt die Erzdiözese Freiburg die Priesterausbildung in Peru. Diese Hilfe ist bis in die Gegenwart Ausdruck der Solidarität mit einer Kirche, die angesichts ihrer Größe und einer wachsenden Bevölkerung vor großen pastoralen Herausforderungen stand. Heute sieht sie sich zusätzlich mit einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel und mit einem in Teilen der Bevölkerung schwindenden Vertrauen in kirchliche Institutionen konfrontiert.
Von der Patenschaft zur Partnerschaft
Im Laufe der Jahre wuchs die Einsicht, dass weltkirchliche Beziehungen nicht bei finanzieller Unterstützung stehen bleiben dürfen. Kirche sollte nicht als Geberin auf der einen und Empfängerin auf der anderen Seite verstanden werden. Vielmehr ging es darum, einander als Schwestern und Brüder im Glauben zu begegnen und voneinander zu lernen.
Zu den prägenden Persönlichkeiten dieser Entwicklung gehörten Kardinal Juan Landázuri Ricketts, der langjährige Erzbischof von Lima, Freiburgs Erzbischof Oskar Saier und Domkapitular Wolfgang Zwingmann. Gemeinsam mit engagierten Christinnen und Christen trugen sie dazu bei, dass aus einer Patenschaft eine Partnerschaft wurde. Landázuri brachte dieses neue Verständnis in einem Satz auf den Punkt, der bis heute als Leitgedanke gilt: „Niemand ist so arm, dass er nichts geben könnte, und niemand ist so reich, dass er nichts mehr empfangen bräuchte.“
Die eigentliche Geschichte der Partnerschaft wurde nicht in Sitzungssälen geschrieben, sondern in Gemeinden, Familien und Gruppierungen beider Länder. Menschen besuchten einander, feierten gemeinsam Gottesdienste, lernten die Lebenswirklichkeiten ihrer Geschwister jenseits des Ozeans kennen und knüpften Freundschaften, die vielfach über Jahrzehnte fortbestehen.
Die Idee Weltkirche wird greifbar
Die Begegnungen machen die Idee der Weltkirche greifbar. Wer nach Peru reist, erlebt eine lebendige Kirche, die ihren Glauben oft unter schwierigen sozialen Bedingungen und in enger Verbundenheit mit Familie und Gemeinden lebt. Wer aus Peru nach Freiburg kommt, lernt andere Formen kirchlichen Lebens kennen, etwa stärker institutionell geprägte Strukturen sowie vielfältige Möglichkeiten gesellschaftlicher Mitgestaltung in Gremien und Verbänden. Aus diesem Austausch entsteht ein gegenseitiges Lernen, das beide Seiten geprägt hat.
Viele Engagierte berichten, dass sich durch die Partnerschaft ihr Blick auf Kirche, Glauben und globale Verantwortung verändert hat. Unterschiedliche Erfahrungen, kulturelle Prägungen und pastorale Ansätze werden dabei nicht als Gegensätze erlebt, sondern als Bereicherung für die gemeinsame Sendung der Kirche. „Durch die Begegnungen in der Peru-Partnerschaft habe ich gespürt, wie lebendig und vielfältig Kirche ist. Die Unterschiede zwischen uns trennen nicht, sondern lassen etwas von der weltweiten Gemeinschaft des Glaubens erfahrbar werden“, sagt eine Frau aus Freiburg, die sich für die Partnerschaft einsetzt.
Der Aufbau der Partnerschaft war nicht frei von Schwierigkeiten. Unterschiedliche Sprachen, kulturelle Prägungen und die große geografische Entfernung machten die Verständigung anspruchsvoll. Briefe waren oft Monate lang unterwegs; manches Missverständnis entstand aus unterschiedlichen Lebenswelten. Zugleich wurde erfahrbar, dass persönlicher Austausch unverzichtbar ist. Besuche in den Partnergemeinden verliehen den Beziehungen eine neue Tiefe und stärkten das gegenseitige Vertrauen. Aus anonymen Briefpartnern wurden Menschen mit Stimmen und Geschichten, das Interesse am jeweiligen gesellschaftlichen und kirchlichen Kontext wuchs.
Gesellschaftskritische Anliegen und Solidarität
Von Anfang an stand die Partnerschaft in einem größeren Zusammenhang. Die Kirche in Peru machte viele Menschen in Freiburg auf Fragen sozialer Gerechtigkeit, Menschenrechte und globaler Verantwortung aufmerksam. Besonders die von der lateinamerikanischen Kirche entwickelte „Option für die Armen“ regte dazu an, gesellschaftliche Ungleichheiten nicht nur wahrzunehmen, sondern auch nach ihren Ursachen zu fragen.
Die Partnerschaft bewährte sich dabei immer wieder in Zeiten besonderer Herausforderungen. Während der Jahre des bewaffneten Konflikts zwischen dem Leuchtenden Pfad und peruanischen Sicherheitskräften Ende des letzten Jahrhunderts, bei Naturkatastrophen oder zuletzt während der Corona-Pandemie standen die Partner füreinander ein. Die Beziehungen wurden so zu konkreten Zeichen gelebter Solidarität.
Neue Herausforderungen
Heute steht die Peru-Partnerschaft vor neuen Aufgaben. Viele der Menschen, die die Beziehungen in den 1980er- und 1990er-Jahren aufgebaut haben, ziehen sich altersbedingt zurück. Gleichzeitig verändern sich kirchliche Strukturen und gesellschaftliche Lebenswelten sowohl in Deutschland als auch in Peru.
Hinzu kommen globale Herausforderungen wie Klimawandel, Migration, soziale Ungleichheit und die Zukunft demokratischer Gesellschaften. Diese Themen betreffen Menschen in Peru und Deutschland gleichermaßen und eröffnen neue Felder gemeinsamer Verantwortung. Digitale Austauschformen und neue Netzwerke können helfen, auch jüngere Generationen für die Partnerschaft zu gewinnen.
Vierzig Jahre nach ihrer offiziellen Gründung ist die Partnerschaft mit der Kirche in Peru weit mehr als ein Jubiläum. Sie ist ein Zeichen dafür, dass weltweite Solidarität, gegenseitiger Respekt und persönliche Begegnung Menschen über Kontinente hinweg verbinden können. Ihre Geschichte zeigt, dass die Vision des Zweiten Vatikanischen Konzils von einer Kirche als Gemeinschaft der Ortskirchen keine abstrakte Idee geblieben ist, sondern in den Beziehungen zwischen den Menschen in Peru und unserer Erzdiözese bis heute lebendig wird.
Die Partnerschaft erinnert daran, dass Kirche dort glaubwürdig wird, wo Menschen bereit sind, „mit den Augen des anderen zu sehen“ und sich gegenseitig als Bereicherung zu verstehen. Gerade in einer Zeit zunehmender Abschottung und nationaler Interessen bleibt diese Erfahrung weltkirchlicher Gemeinschaft von besonderer Bedeutung.
Für Erzbischof Stephan Burger ist sie zugleich ein Auftrag für die Zukunft: „Die weltkirchliche Verbundenheit ist keine Selbstverständlichkeit. Die gewachsenen Beziehungen zwischen Peru und Freiburg wollen weitergetragen und von neuen Generationen mit Leben gefüllt werden.“
(sv)










